Chateau la Croizille Vertikale

Chateau la Croizille Vertikale

Chateau la Croizille Vertikale 2003 - 2015 - der unbekannte große Saint-Emilion

Chateau la Croizille, Saint-Emilion Vertikale

Chateau la Croizille steht nach wie vor nicht so im Rampenlicht, wie das von der Qualität der Weine her eigentlich sein müsste. Der Grund liegt an der Tatsache, dass der Wein nicht über die großen bordelaiser Handelshäuser vertrieben wird, sondern nur über die Besitzerfamilie de Schepper bzw. deren Weinhandel selbst. Daher wird der Wein auch nur wenigen Journalisten zugänglich.
Dass la Croizille ganz vorne mitspielen kann, zeigte die 2005er Jahrgangsverkostung der Zeitschrift Decanter vor ein paar Jahren, wo er trotz renommiertester Konkurrenz inkl. fast aller 1er Crus unter die besten drei Saint Emilion kam. Ungewöhnlich ist das Fehlen von Cabernet Franc im Blend, stattdessen sind 30% der fünf Hektar Rebfläche in direkter Nachbarschaft zu Tertre-Rotheboeuf, Troplong-Mondot und la Mondotte mit Cabernet Sauvignon bestockt. In manchen Jahrgängen besteht die finale Assemblage sogar aus 50/50 Merlot/Cabernet Sauvignon (2010 & 2012). Das ist meines Wissens nach einzigartig in Saint-Emilion. Auch strebt man hier einen möglichst geringen Alkoholgehalt bei voller physiologischer Traubenreife an, dazu wird in aufwändiger Weinbergsarbeit meist im August die Laubwand ausgedünnt. Spektakulär ist auch die neu erbaute Produktionsstätte mit seiner teilweise orangefarbenen Außenwand.
Château la Croizille empfängt auch gerne Besucher, dabei können auch die Weine des benachbarten Chateau la Tour Baladoz verkostet werden, das sich in gleichem Besitz befindet.

Aber nun zu den Weinen. Vielen Dank an Direktor und Weinmacher Jean-Michel Garcion, der uns diese tolle Vertikale mit 12 Jahrgängen ermöglichte. Alle Weine wurden blind, also ohne Kenntnis des Jahrgangs probiert, auch ohne Kenntnis welche Jahrgänge in der Probe sind. Richtig erkannt habe ich nur einen, den 2005er, beim 2008er tippte ich auf 2006 oder 2008, beim 2006er entweder 6 oder 7. Damit befinde mich aber bester Gesellschaft mit internationalen Top-Sommeliers und Weinjournalisten, wie mir bestätigt wurde, mehr als drei Jahrgänge hatte noch niemand richtig. Das liegt auch ein wenig daran, dass sich Croizille so ein wenig den üblichen Jahrgangsstilistiken entzieht. Auch geraten kleinere Jahre hier oft ungewöhnlich gut, 2007 und 2011 seien hier ganz vorne genannt.

2009: Ein wenig violett noch, in die Reifetönung übergehend am leichten Wasserrand. Etwas Kokos, Cassis, zarte Reifenoten, edles Holz, öliger Naseneindruck. Tanninbiss, reife Tannine, lang, griffig, hat nicht die letzte Opulenz, ist aber sehr lang, Extraktsüße. Beginnende Trinkreife. 18/20

2011: Dunklere Farbe, erste Reife am Rand. Reifer Cassisduft blinzelt hinter dem Merlot hervor, wirkt saftiger als 1, schokoladiger, dabei aber auch schön mineralisch, leicht kreidig. Viel Zug, opulent, trotzdem auch griffig, die Tannine sind ganz leicht trocken, hinterlässt einen saftigen Nachhall.  18,5/20

2013: Mittlere bis dunklere Farbe, ist heller als 1+2, eher rotbeerig, schönes Holz, auch etwas Milchschokolade, zeigt eine gewisse Süße an, aber auch eine pflanzliche Note, schon deutlich anders im Charakter als viele andere Jahrgänge. Am Gaumen eher schlank, die Tannine sind ganz leicht trocken, ist nicht mein Liebling. 17/20 – der hat übrigens 40% Cabernet.

2015: Dunkle Farbe, violett. Zeigt schon im Duft viel Saftigkeit, reife Frucht, Merlot-Pflaume, tolles Holz, mittlerer Toast, Butter, „süße“ Frucht. Viel Druck am Gaumen, hat die höchste Konzentration bislang, reife Tannine, sehr lang, große Klasse! Kann man im Moment aufgrund seiner Opulenz sogar gut trinken, hält sich aber sicher 15+ Jahre. 19+/20

2014: Dunklere Farbe, leichter Wasserand, noch leicht violett. Schönes Holz, vanillig, saftiger reifer Merlot, hier kommt der Cab eher weniger durch im Moment. Viel Druck am Gaumen, ganz minimal rosinig, dürfte ein warmes Jahr sein, hat nicht ganz die Tanninfeinheit von Nr. 4 (der 2015er). Hat viel Muskeln. 19/20

2012: Dunklere Farbe, leichter Wasserrand, auch noch leicht violett. Würzige Note, eher wenig Vanille, ein Hauch Rosine. Mittleres Gewicht, die Tannine sind leicht trocken, dennoch hält er die Balance, beschlägt die Zähne aber mehr als andere. 17,5+/20

2008: Angereifte Farbe. Leicht vanillig, etwas rotbeerig. Kraftvoll und strukturiert, guter Zug, ich nicht der molligste, aber sehr lang im Finale. Hat was. Man muss die schlanke Eleganz aber schätzen, das ist kein Monster, aber unerhört delikat. 18/20

2006: Reifere Farbe, granat-rubinrot. Auch in der Nase zeigt er sich reif, schöne Frucht, Würze, feiner Cassiston. Tänzerisch, elegant, sehr schön gereift, ziemlich finessenreich, lang, auch wenn es nicht der ganz opulente Jahrgang ist. Jetzt und über die nächsten 5+ Jahre wunderschön zu trinken. 17,5/20

2007: Erste Reife, leichter Wasserrand, granat-rubinrot. Hier geht es wieder in die vanillige Richtung, das lässt aber nach an der Luft, ein Holzduft bleibt, saftig wirkende Nase, noch keine allzu große Reife. Vorne opulent, dann stramme Tannine, er wirkt ein wenig hohl in der Mitte, das könnte sich aber noch füllen. Etwas kreidiges Finale. 17,5 – ein hervorragender 07er!

2003: Leicht orange Noten am Rand. Zedernholz, deutlich reifer im Duft als alles bisherige, aber schön gereift. Aromatisch zieht sich das bis ins Finale durch, die Tannine sind leicht trocken, Holztannine vermutlich, die etwas viel für den Jg. Waren? Nein, waren Hitzetannine=2003. Obwohl wir ihn am Vorabend zum Essen hatten, habe ich ihn nicht wiedererkannt. 17/20

2005: Dunkle Farbe, leicht violett. Viel Druck in der Nase, reife Frucht, Pflaume, wenig Cassis, eher vom Merlot dominiert im Duft, kaum Reife, edles Barrique. Guter Biss, lang, sehr lang sogar, aromatisch noch etwas verhalten im Moment, geschmacklich aber wie aus einem Guss, öliger Extrakt. 19+/20

2010: Mittlere bis dunklere Farbe, leichter Wasserrand, aber noch ohne Reifetönung. Relativ röstig, Karamell, braune Butter, die Frucht wirkt kühl. Hat eine relativ hohe Säure im Vergleich (50% Cabernet!), feinerer und strukturierter Typ, ziemlich griffig, aber andererseits auch verschlossen. Der braucht noch mindestens fünf Jahre Zeit. 18,5+/20

Zum Mittagessen hatten wir noch den wunderschön gereiften 2001er, der zum Tartar eine traumhafte Ergänzung war. Der sollte auch eine 18/20 wert sein.

Auf dem ebenfalls zur Familie de Schepper gehörenden Margaux Chateau Haut-Breton Larigaudiere duften wir dann noch eine sehr rare und spezielle Luxus-Cuvée probieren, den „Le Createur“: 100% Cabernet Sauvignon aus um die 100 Jahre alten Reben:

2015 le Createur: grandiose Extraktsüße, lang, saftig, glasklar, saftig, schönstes Holz, evtl. ein Tick anbiedernd sogar, aber mit so viel Charme, dass man es ihm nicht übel nimmt, schwarze Kirsche, Hammercharme. Genauso ist er auch am Gaumen, viel Druck bei unerhörtem Charme, anspruchsvoll und einnehmend zugleich. Das erinnert mich mit seinem öligen Charme an den 1990er Chateau Margaux, als dieser jung war. Großartig! 19+/20

2010 le Createur: kühle Nase, Holz, Kakaopulver. Immense Struktur, lang, griffig, irgendwo brachial sogar, wenn man ihn mit dem tänzerischen 15er vergleicht. Der 10er ist für 20 Jahre plus gemacht. 18,5+/20

2009 Le Createur: duftig, offen, feines neues Holz. Guter Zug am Gaumen, hat ein leicht rustikales Tannin und ist auch nicht ganz so lang wie 10 und 15, dennoch sicher alles andere als verkehrt. 17,5+/20.


Auch vom Le Createur hatten wir den 2001er zu Mittag, den ich viel jünger eingeschätzt hatte, als er ist. Kommt blutjung daher und das alles bei nur 12% Alkohol!

Toll war‘s

Frank Rembold

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