300 Jahre Chianti - Rückkehr zum Trinkfluss

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  • Durch Frank Rembold
  • Geposted in Italien, Weinprobe
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300 Jahre Chianti - Rückkehr zum Trinkfluss

300 Jahre Chianti - Chianti Classico Verkostung im Lenbach Palais, München

Gedanken und Probennotizen zur Präsentation Chianti Classico im Lenbach Palais München am 10.10.2016. 

Ein Querschnitt hervorragender Erzeugerbetriebe des Chianti Classico stellte seine Weine in München vor. Die Annatas ("normale" Chianti Classico ohne Zusatzbezeichnungen wie Riserva oder Gran Selezione) aus den Jahrgängen 2013 und 2014, Riservas, Gran Selezione und Einzellagen-Weine aus 2013 bis 2010. Erst einmal fiel mir die gute Qualität des etwas verrufenen Jahrgangs 2014 auf. Praktisch durchweg schöne Weine mit feiner Frucht und guter Balance. Von einem minderen Jahr kann zumindest für den Chianti Classico keine Rede sein. Stilistisch sind die Weine heute wesentlich schlanker als von einigen Jahren, man besinnt sich neben dem Platzhirsch Sangiovese auch wieder auf die anderen lokalen Rebsorten wie ColorinoCiliegioloCanaiolo, Malvasia Nera, Pugnitello usw., die wieder häufiger in den Cuvées anzutreffen sind und die die eingeschleppten Cabernet Sauvignon und Merlot wieder zurückdrängen, obwohl es natürlich immer noch vereinzelte Exemplare mit bis zu 20% Merlot gibt. Auch sind die Weine nicht mehr so alkoholreich und marmeladig wie noch vor 10 Jahren, sie haben eine merkliche Tanninstruktur und oft eine angenehme Frische, kurz gesagt: sie haben Trinkfluss. Man kann also eine Rückkehr zu den klassischen Geschmacksbildern des Chianti wahrnehmen, der überextrahierte und fruchtbetonte Allerweltswein ist im Rückzug begriffen. Der Chianti Classico schmeckt wieder wie ein solcher 

Insgesamt wurde hier eine positive Richtung eingeschlagen, auch wenn ich eine übertrieben adstringierende Trockenheit bei einigen Weinen nicht verschweigen möchte und der ein oder andere Winzerbetrieb deshalb noch ein wenig an der Extrakt/Gerbstoff/Säurebalance feilen sollte. 

Die verkosteten Weine alphabetisch nach Weingut sortiert, die Weine wurden offen probiert: 

Badia a Coltibuono 

2014 Chianti Classico: hellere Farbe. Recht fruchtiger Duft, Preiselbeeren. Guter Biss, frisch, ordentliche Konzentration, ziemlich klassische Stilistik, in sich stimmig. 16/20. 

2011 Chianti Classico Riserva: helle Farbe, leicht oranger Wasserrand. Klassische Nase, Esskastanien, leicht nach Schokolade, Preiselbeeren. Hat Zug und Frische am Gaumen, guter Extrakt, auf klassische Art kompetent gemacht, das empfinde ich als sehr typischen Chianti. Gefällt. 17/20 

2013 Chianti Classico Riserva „Cultus“: helle Farbe. Feine Nase, Holz, kühle und klare Frucht. Am Gaumen ist er noch ziemlich verschlossen, hat Kraft, feine Tannine, recht geschliffen, aber nicht langweilig. Hat was! 17,5+/20 

 

Barone Ricasoli: 

2013 Chianti Classico Brolio „Bettino“: mittlere Farbe. Fruchtige Nase, wirkt aber nicht aufdringlich, etwas Holz, hat einen leicht süßlichen Unterton. Gute Fülle, schon sehr saftig und intensiv in der Mitte, aber ohne diese süßplumpe Frucht vieler italienischer Weine dieser Zeit, hat Biss und Zug. 17/20 

2013 Chianti Classico Riserva Brolio: mittlere Farbe, recht viel Holz, kaum Toast, etwas nach Preiselbeeren. Hat Kraft, Struktur und eine ruppige Säure im Finale, die sollte er trotzdem noch ausbalancieren. 17?/20  

2013 Chianti Classico Gran Selezione Castello di Broliomittlere Farbe. Merklicher Holzeinfluss,  dunkelbeerige Frucht. Guter extrakt, sogar komplex und tief, geschmeidiger extrakt, passende Tanninstruktur, langes Finale. Einer der Besten. 17,5+/20 

 

Bibbiano 

2014 Chianti Classico: hellere Farbe. Dunkle Schokolade im Duft. Gute Fülle, ausgewogen, trinkig, der Kakaoton ist auch im Finale sehr präsent. 16/20 

2013 Chianti Classico Riserva „Montornello“: mittlere Farbe. Reifer Sangiovese, aber nicht übertrieben. Gute Fülle, charmante Fruchtsüße, griffige Tannine. Der tanzt so an der Grenze zu kommerziell-süß herum, gefällt mir aber trotzdem. 16,5/20 

 

Borgo Scopeto 

2014 Chianti Classico: hellere bis mittlere Farbe. Eher verhaltene Nase, aber in die fruchtige Richtung gehend, als Chianti hätte ich den nicht erkannt. Opulenter Typ, in der Mitte ist der mir zu süßlich, was den Trinkfluss hemmt. 15,5/20 

2011 Chianti Classico Riserva „Misciano“: mittlere Farbe. Schokolade, etwas Sauerteig, Staub. Gute Fülle, sehr weich in der Mitte, man könnte es auch als „glatt“ bezeichnen, hinten kommt das Tannin auf. So richtig kickt mich das nicht, als Pastawein wäre das o.k., vermutlich stimmt dafür der Preis aber nicht. 16/20. 

 

Brancaia: 

2014 Chianti Classico: helle Farbe. Kaum Holz – oder sogar keines? Riecht ein wenig nach Gummi, erinnert an Luftballons aufblasen. Rund, lecker, angenehm, große Spannung hat der nicht. Mir ist das zu kommerziell und langweilig. 15,5+/20 

2012 Chianti Classico Riserva: ganz leicht rosinige Note, getrocknete Feigen. Mittleres Gewicht, hat die Trockenobstnote auch im Finale, das ist o.k., aber zu reizlos für diese Klasse. 16?/20 

 

Casaloste: 

2013 Chianti Classico: mittlere Farbe, erste Reife am Wasserrand. Auch in der Nase ist er reifer als die meisten anderen Weine, andererseits auch mit angenehmer Süße. Extrem schokoladig im Finale. Es fehlt an klarer Kante, aber er schmeckt schon ganz ordentlich. Ich würde den eher bald trinken. 16/20 

2011 Chianti Classico Riserva: mittlere Farbe, keine violetten Töne. Erste Reife, süßliche Frucht in der Nase. Ziemlich trockene Tannine, wirkt sehr robust, was nicht zur süßlichen Nase passt. Zwiespältig. 15,5?/20 

 

Castello di Ama: 

2014 Chianti Classico: helle bis mittlere Farbe. Leder, Holunder- und Preiselbeeren im Duft. Im Geschmack mit gewisser Kraft, aber aromatisch leicht hohl in der Mitte, hinten hat er viel Tannin. Man muss es schon eher resch mögen um mit dem klar zu kommen. 16/20.  

2013 Chianti Classico Gran Selezione "San Lorenzo": mittlere Farbe. Schöne Klarheit, zartes Holz, etwas nach Unterholz. Am Gaumen eher abweisend, viel Gerbstoff, blüht nicht auf. 16,5?/20 

2013 Chianti Classico Gran Selezione "Vigneto la Casuccia": mittlere bis dunklere Farbe, leicht violett. Recht viel neues Holz, kaum Toast. Der hat wesentlich mehr Kraft als der San Lorenzo und packt die Tannine deswegen auch viel besser ein, extraktreich und hat Tiefe. 17+/20 

 

Castello La Leccia: 

2013 Chianti Classico: mittlere Farbe. Klassische Nase, eher wenig Holzeinfluss, sauber, klar, leicht floral. Hat Biss und eine angenehme "Süße" im Extrakt, ohne aufdringlich zu sein, die Tannine sind leicht pelzig, das sollte mit weiterer Flaschenreife aber noch runder werden. 16+/20. 

2012 Chianti Classico Riserva "Giuliano": mittlere Farbe. Deutlich nach Heftpflaster in der Nase. Vom Körper her ist er stimmig, aber aromatisch ist hier ist irgendwas danebengegangen. 14/20 

 

Felsina: 

2014 Chianti Classico Beradengahelle bis mittlere Farbe, keine violette Tönung. Intensive Nase, Kekse? Hat eine schwer definierbare, leicht süßliche Note im Duft. Gute Fülle, allerdings stört eine leichte Bitterkeit im Finale. Recht lang ist er. 16+?/20 

2012 Chianti Classico Riserva "Rancia": leicht flüchtige Säure (Essigstich), ist nicht zu ignorieren. Auch der ist leicht bitter, wenn auch bei gutem Extrakt. ? 

2011 Chianti Classico Gran Selezione "Colonia": mittlere Farbe, erste Reife am Rand erkennbar. Auch in der Nase wirkt er nicht mehr ganz jung, Schokolade und Früchtebrot in den Aromen. Viel Stoff am Gaumen, dicht, ausgewogen, lang, erste Reifesüße. Passt! 17,5/20 

 

Fontodi: 

2013 Chianti Classicomittlere Farbe. Saftige Frucht, das geht ein wenig ins Kandierte, reife Schwarzkirsche, Brombeere, Holz. Gute Fülle, hat Extrakt, hinten mit merklichem Tannin, ganz leicht trocken, das sollte sich aber noch harmonisieren. 17/20. 

2013 Chianti Classico Gran Selezione "Vigna del Sorbo": mittlere bis dunklere Farbe, recht dunkel für einen Chianti. Schöne Würze, viel neues Holz. Hat Biss und Kraft, schöne Klarheit in der Struktur, etwas robuste Tannine vielleicht, aber lange nicht mehr so süß und marmeladig wie früher, als er noch Cabernet enthielt. Seit 2012 ist er 100% Sangiovese. 17,5./20.  

 

Lornano: 

2013 Chianti ClassicoMandeln, wirkt irgendwie leicht bitter im Duft, auch wenn man Bitterkeit nicht riechen kann. Eher trocken am Gaumen, blüht nicht auf. 15/20. 

2012 Chianti Classico Riserva "Le Bandite": mittlere Farbe, erste Reife im Wasserrand. Auch hier fehlt die Klarheit, leichte Unterholznote. Vorne saftig, dann ganz leicht bitter, das ist nicht richtig stimmig. 15,5/20. 

 

Luiano: 

2014 Chianti Classico: hellere bis mittlere Farbdichte. Fruchtiger Typ, den Cabernet/Merlot-Anteil merkt man, so richtig nach Chianti riecht das nicht. Im Geschmack hat er eine leicht animalische Note und eine merkliche Säure. Naja. 14,5/20 

 

Nittardi 

2014 Chianti Classico "Belcanto": mittlere Farbe. Leicht nach Kirscheeher verhaltener Duft. Mittleres Gewicht, angenehm geschmeidig vorne, ein wenig kommerziell und glatt ist er schon, hat aber immer noch einen guten Tanninbiss. Schmeckt. 16/20 

2014 Chianti Classico Casanuovo di Nittardi "Vigna Doghessa": mittlere Farbe, leicht violett. Fruchtbetonte Nase, geschmeidig wirkend, wenig Holzeinfluss. Guter Biss am Gaumen, die Tannine packen zu und verlangen nach 2-3 Jahren Flaschenreife. In sich ist der stimmig. 16,5+/20. 

2012 Chianti Classico Riservamittlere Farbe, Wasserrand. Barrique, Schokolade, dunkle Beeren, reifes LesegutExtraktreich, zeigt eine wohlige Süße, bevor die heftigen Tannine zupacken, hinterlässt einen Eindruck, als hätte man in ein Stück Kreide gebissen. Braucht viel Zeit, ich hoffe er findet die Balance. 17?/20 

 

Quercia al Poggio 

2012 Chianti Classico: eher helle Farbe, vom Aussehen her könnte man ihn auch für einen Pinot Noir halten. Schöne Klarheit in der Nase, etwas Sauerteigbrot, Kirsche, kaum Holz. Mittleres Gewicht, nicht allzu lang, klassische Struktur, aber leider etwas harmlos. 15,5+/20 

2011 Chianti Classicomittlere Farbe, leicht oranger Rand. Sehr saftige Kirschfrucht, zeigt wesentlich mehr Tiefe und Konzentration als der 2012er, Schokolade im Finale, aber auch leicht bitter hinten. 16+?/20 

2010 Chianti Classico Riservamittlere Farbe, leicht orange am Rand. Angenehme Sangiovesewürze, Kräuter, Preiselbeeren, passendes Holz. Reichlich Tannin am Gaumen und auch viel Säure. Eine ziemlich karge Nummer. 15/20 

 

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